Stefan Christoph

«Geschichte ist Fortschritt im Bewusstsein der Freiheit.»

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Unseren Platz an der Sonne

Man war­tet ja immer schon gespannt auf das nächs­te Glanz­stück von Harald „armer, alter Mann ver­steht die Welt nicht mehr“ Mar­ten­stein. Ange­sichts der Zahl an Geflüch­te­ten, die der­zeit auf dem Weg nach Euro­pa kom­men, zu for­dern, den Kolo­nia­lis­mus wie­der zu bele­ben? Nein, das kann kei­ner… Mar­ten­stein kann!

Aus dem aktu­el­len ZEIT­ma­ga­zin

Posted by ZEIT­ma­ga­zin on Don­ners­tag, 8. Okto­ber 2015

Funktionslogik terroristischer Propaganda im bewegten Bild

Die Medi­en­front ist heu­te ein wich­ti­ger Kriegs­schau­platz, den vie­le neben Land, Was­ser und Luft für gleich wich­tig hal­ten. Ter­ro­ris­ten füh­len sich in sozia­len Medi­en woh­ler als man den­ken könn­te. Im Netz kön­nen sie die asym­me­tri­sche Kräf­te­ver­tei­lung über­win­den, die sie in der offe­nen Feld­schlacht unter­le­gen sein lie­ße.
Ter­ro­ris­ten machen sich das Bild zur Waf­fe und pro­du­zie­ren erst durch die Posi­tio­nie­rung an der Medi­en­front Sinn in ihren Taten. Ohne ein Beken­ner­schrei­ben, ein Abschieds­vi­deo des Atten­tä­ters oder ein letz­tes Pos­ting im sozia­len Netz­werk wäre ein Bom­ben­an­schlag nichts als ein Kapi­tal­ver­bre­chen. Durch die ter­ro­ris­ti­sche Kom­mu­ni­ka­ti­ons­stra­te­gie wird das Ver­bre­chen erst zum ter­ro­ris­ti­schen Akt. Das ist die theo­re­ti­sche Grund­an­nah­me die­ses Auf­sat­zes. Ohne Medi­en­be­richt­erstat­tung könn­ten ter­ro­ris­ti­sche Orga­ni­sa­tio­nen nicht exis­tie­ren. Durch die Ent­wick­lung des Web 2.0 und ins­be­son­de­re sozia­ler Medi­en kom­men ter­ro­ris­ti­sche Orga­ni­sa­tio­nen heut­zu­ta­ge aber ganz ohne das Ver­schi­cken von Video­tapes an Fern­seh­sen­der aus. Durch You­Tube und ande­re Kanä­le, kön­nen sie die Adres­sa­ten ihrer Bot­schaf­ten direkt und ohne zwi­schen­ge­schal­te­te Jour­na­lis­tin­nen und Jour­na­lis­ten errei­chen.

So ist es nicht erstaun­lich, dass ter­ro­ris­ti­sche Orga­ni­sa­tio­nen sich eine gewis­se Exper­ti­se im Umgang mit sozia­len Medi­en zuge­legt haben. Al-Qai­da hat sei­ne eige­ne Medi­en­ab­tei­lung, auch die kolum­bia­ni­schen FARC arbei­ten sehr pro­fes­sio­nell und wel­chen Ein­fluss der Isla­mi­sche Staat im Inter­net aus­übt ist inzwi­schen bereits Gegen­stand eini­ger Repor­ta­gen und Unter­su­chun­gen gewor­den.

Mein Auf­satz „Funk­ti­ons­lo­gik ter­ro­ris­ti­scher Pro­pa­gan­da im beweg­ten Bild“ erschien die­ser Tage im Jour­nal for Dera­di­ca­li­za­ti­on.

‚Stadtschützer‘ und das Gewaltmonopol">Stadtschützer‘ und das Gewaltmonopol

Rechts­ex­tre­me ‚Stadt­schüt­zer‘ spie­len Poli­zei? War­um die Debat­te um das Gewalt­mo­no­pol noch immer aktu­ell ist! (FRP-Kom­men­tar von mir)

Regensburg zeigt Gesicht

Wo Satire die Geschmacklosigkeit der Realität einholt

Nach­dem auf einer öster­rei­chi­schen Auto­bahn ein Lkw mit 71 erstick­ten Geflüch­te­ten auf­ge­fun­den war, hat auch die Sati­re­zeit­schrift Pos­til­lon das The­ma auf­ge­grif­fen und in einem bit­ter­bö­sen, ja auch streit­ba­ren, Arti­kel auf­ge­ar­bei­tet: „Alles wie­der gut: Öster­reich ver­senkt Last­wa­gen mit 71 toten Flücht­lin­gen im Mit­tel­meer“. Unter dem Arti­kel, eben­so wie auf mei­ner eige­nen Time­li­ne, sind unter vie­len ande­ren auch Reak­tio­nen auf­ge­taucht, die den Arti­kel für geschmack­los hal­ten. Und damit haben sie auch Recht!

Der Artikel ist geschmacklos, aber…

Hier an die­ser Stel­le den Spruch von Tuchol­sky zu brin­gen, dass Sati­re bekannt­lich alles darf, wäre abge­dro­schen. Den­noch kann auch ein sol­cher Arti­kel, der eigent­lich sogar ganz offen­sicht­lich geschmack­los ist, legi­tim sein. Mit sei­nem bit­ter­bö­sen Arti­kel sucht der Pos­til­lon ja nicht nach dem kurz­fris­ti­gen Lacher, nach der Slap­stick­ko­mik oder nach bil­li­gen Wit­zen auf dem Rücken der toten Geflüch­te­ten. Das Objekt der Sati­re sind nicht die 71 Men­schen, die auf der Auto­bahn gefun­den wur­den, son­dern die gesell­schaft­li­che Rea­li­tät – uns alle ein­ge­schlos­sen. Sub­jekt bzw. Rezi­pi­ent und Objekt die­ses Arti­kels sind die glei­chen. Das ist es näm­lich, was gute Sati­re aus­macht: Sie hält einem selbst, den gesell­schaft­li­chen Zustän­den und auch der Poli­tik den Spie­gel vor.

Par­odie ist für Ador­no die „Ver­wen­dung von For­men im Zeit­al­ter ihrer Unmög­lich­keit“. Sati­re ist nicht nur eine Coping­stra­te­gie um, ob der eige­nen Ohn­macht, die Situa­ti­on von Geflüch­te­ten zu ver­ar­bei­ten. Sie ist viel­mehr auch ein Ver­such die­je­ni­gen Struk­tu­ren auf­zu­bre­chen, die die Zustän­de fort­schrei­ben und ein Aus­bre­chen aus ihnen der­zeit unmög­lich machen. Sati­re ist nicht „l’art pour l’art“, ist nicht bloß Witz, son­dern selbst eine Form, um gesell­schaft­li­che Zustän­de auf­zu­bre­chen. So ist die Sen­tenz von Ador­no auch nicht voll­stän­dig zitiert, wenn man nicht wie im Ori­gi­nal schreibt, Par­odie sei die „Ver­wen­dung von For­men im Zeit­al­ter ihrer Unmög­lich­keit und ver­än­dert dadurch die For­men.

Aber, darf man das?

Die Toten wer­den nicht dadurch wie­der leben­dig, dass man zu ihrer Geden­ken jetzt schweigt. Zuge­ge­be­ner­ma­ßen ist ihnen aber auch durch eine sati­ri­sche Auf­ar­bei­tung nicht unmit­tel­bar gehol­fen, son­dern zual­ler­erst erst ein­mal uns selbst, die wir am wenigs­ten von der Situa­ti­on betrof­fen sind (selbst wenn wir „betrof­fen“ sein mögen). Sie ist aber auch, wie oben erwähnt, ein Spie­gel, der uns vor­ge­hal­ten wird, und der uns zeigt, dass es nicht damit getan ist, die 71 Opfer die­ses Schlep­per­trans­por­tes zu bewei­nen, wäh­rend täg­lich auf dem Mit­tel­meer Hun­der­te ster­ben. Die Sati­re zeigt uns, dass ein Aus­bruch aus dem Plan­mä­ßi­gen – dem Ster­ben im Mit­tel­meer – eine Nach­richt wert ist, das hun­dert­fa­che Ster­ben im Mit­tel­meer selbst aber zur Nor­ma­li­tät gewor­den ist.

Der Arti­kel will uns also auch aus einer Situa­ti­on auf­we­cken, in der gro­ße Tei­le der Bevöl­ke­rung inzwi­schen still­schwei­gend akzep­tiert haben, dass Boo­te mit Geflüch­te­ten regel­mä­ßig auf See ken­tern und ihre Insass*innen ertin­ken. Und genau an die­sem Punkt sehen wir, dass es eigent­lich nicht der Arti­kel des Pos­til­li­on ist, der geschmack­los ist: Geschmack­los ist viel­mehr die Rea­li­tät, in der Geflüch­te­te leben und ster­ben müs­sen. Erst wenn die­se reel­le Geschmack­lo­sig­keit been­det ist, wer­den auch geschmack­lo­se Sati­re­ar­ti­kel ihr Ende fin­den kön­nen.

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