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Gegen jeden Antisemitismus

Der Anti­se­mi­tis­mus ist der Sozia­lis­mus der dum­men Kerls“, soll August Bebel, einer der Begrün­der der SPD ein­mal gesagt haben. Trotz­dem sahen Bebel und die frü­he Sozi­al­de­mo­kra­tie im Anti­se­mi­tis­mus ein gewis­ses revo­lu­tio­nä­res Poten­ti­al, das es in die rich­ti­ge Rich­tung zu len­ken gel­te. Die frü­he deut­sche Lin­ke bestand also nicht – wie das Zitat glau­ben machen könn­te – aus über­zeug­ten Anti-Antisemit*innen. Gleich­zei­tig ist die deut­sche Sozi­al­de­mo­kra­tie natür­lich auch nicht der Aus­gangs­punkt moder­nen Anti­se­mi­tis­mus. Die­ser liegt frü­her: Vor allem Kräf­te, die wir heu­te als „reak­tio­när“ beschrei­ben wür­den, sahen in den Idea­len der euro­päi­schen Auf­klä­rung eine Bedro­hung für ihren alten Lebens­stil. Wis­sen­schaft­li­cher Fort­schritt eben­so wie frei­heit­li­che Ide­en schie­nen die alte Ord­nung von Kir­che, Adels­herr­schaft und Stän­de­ge­sell­schaft zu bedro­hen. In Jüdinnen*Juden (und ande­ren dama­li­gen Rand­grup­pen, etwa Freimaurer*innen) schie­nen sie die Ursa­che die­ses gesell­schaft­li­chen Umbruchs aus­zu­ma­chen. Zusam­men mit christ­lich-mit­tel­al­ter­li­chen Vor­ur­tei­len über Jüdinnen*Juden als Christusmörder*innen bil­de­te sich dar­aus der moder­ne Anti­se­mi­tis­mus. Er ent­stand also aus einem Sam­mel­be­cken anti­mo­der­nen und anti­auf­klä­re­ri­schen Den­kens.

 

Die­ser Arti­kel von mir erschien in der Herbst­aus­ga­be 2017 der Brenn­stoff, Mit­glie­der­zeit­schrift der Grü­nen Jugend Bay­ern.

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Jenseits von Sehnsucht – zu Sigmar Gabriels „Sehnsucht nach Heimat“

Jenseits von Sehnsucht – zu Sigmar Gabriels „Sehnsucht nach Heimat“

Adolph Menzel: Eisenwalzwerk

Im Spie­gel vom 18. Dezem­ber 2017 ver­öf­fent­lich­te Sig­mar Gabri­el einen Besin­nungs­auf­satz  über die Zukunft der Sozi­al­de­mo­kra­tie, über Post­mo­der­ne und Ent­wur­ze­lung. Jakob Aug­stein bezeich­net ihn in sei­ner SpOn-Kolum­ne als „klu­gen Essay“, allei­ne ja schon ein Grund zur Vor­sicht.  Und Gabri­el selbst spricht in sei­nem Auf­satz eini­ge grund­le­gen­de und rich­ti­ge Pro­ble­me an – aber den­noch hat er voll­kom­men unrecht.

Denn der Weg aus dem Spät­ka­pi­ta­lis­mus ist nicht der zurück in eine – wie auch immer gear­te­te – Moder­ne. Eine Moder­ne der 50er-Jah­re, in der der Mann noch die Bröt­chen holt und Abends noch pünkt­lich das Essen auf dem Tisch steht. In die roman­ti­sier­te Welt knol­len­na­si­ger Arbei­ter, die noch wis­sen, wo ihr Platz in der Gesell­schaft und auf der Welt ist, in der man von fer­nen Kon­ti­nen­ten nur ein­mal gehört oder im schwarz-weiß Fern­se­her gese­hen hat, eine Welt, in der „alles noch in Ord­nung“ war. Nicht nur, dass weit eine Min­der­heit der Arbeiter*innen sich heu­te noch mit Blu­men­kohl­na­sen her­um­schla­gen müs­sen: auch die Pro­ble­me der Men­schen sind nicht mehr die sel­ben wie in den 1950er-Jah­ren.

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Wissen und Wissenschaft in Zeiten der Digitalisierung

Wissen und Wissenschaft in Zeiten der Digitalisierung

Was kann ich wis­sen?“ war eine der Grund­fra­gen, die Imma­nu­el Kant auf­ge­wor­fen hat. Schon ohne die Infor­ma­ti­ons­flut des World Wide Web war die Ant­wort dar­auf sei­ner­zeit hoch­kom­plex. In der Minu­te, in der Sie den ers­ten Absatz die­ses Tex­tes lesen, wer­den auf der Video­platt­form You­Tube400 Stun­den Video­ma­te­ri­al hoch­ge­la­den. Im Janu­ar 2016 wur­den in der Online-Enzy­klo­pä­die Wiki­pe­dia durch­schnitt­lich gan­ze 28.177 Arti­kel pro Tag erstellt. Allein die deutsch­spra­chi­ge Wiki­pe­dia ent­hält heu­te fast 2 Mil­lio­nen Arti­kel. Viel mehr, als jeder von uns jemals lesen könn­te. Und auch vor wis­sen­schaft­li­cher Lite­ra­tur macht die Digi­ta­li­sie­rung natür­lich kei­nen Halt: 2015 wur­den allei­ne in der Sco­pus-Daten­bank des Else­vier-Ver­la­ges fast 2 Mil­lio­nen zitier­fä­hi­ge Arti­kel hin­ter­legt.

Die Infor­ma­tio­nen, die uns heu­te zur Ver­fü­gung ste­hen, über­stei­gen die Auf­nah­me­ka­pa­zi­tät unse­rer Sin­ne. “Was kann ich wis­sen?” ist im Inter­net­zeit­al­ter nicht mehr die allei­ni­ge Grund­fra­ge, die Kant auf­wer­fen wür­de. Brau­chen wir eine neue Erkennt­nis­theo­rie? Ich will vier Fra­gen auf­wer­fen, die die Wis­sen­schaft im Zusam­men­hang mit der Digi­ta­li­sie­rung beschäf­ti­gen müs­sen:

  • Was muss ich wis­sen um wis­sen zu kön­nen?
  • Das Ver­hält­nis von Wis­sen und Demo­kra­tie
  • Wie fil­te­re ich Wis­sen?
  • Wie kann ich Wis­sen dif­fe­ren­zie­ren?

Der voll­stän­di­ge Arti­kel ist erschie­nen in Forum Wis­sen­schaft 4/2016 und ist online abruf­bar unter http://​www​.bdwi​.de/​f​o​r​u​m​/​a​r​c​h​i​v​/​u​e​b​e​r​s​i​c​h​t​/​9​6​4​7​8​2​7​.​h​tml

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Die Selbstzerstörung der Aufklärung

Die Selbstzerstörung der Aufklärung

Die­sen Text will ich mit einem Kom­men­tar aus den taz-Leser­kom­men­ta­ren ein­lei­ten, der mir ges­tern Mor­gen unter die Augen fuhr: „toxi­sches Männ­lich­keits­ide­al und auch Frauenfeindlichkeit,glauben sie zu sehen… :)hat­ten sie schon Ihren ers­ten Freund ?“. In dem dazu­ge­hö­ri­gen Arti­kel ging es eigent­lich dar­um, dass männ­li­chen Syn­chron­schwim­mern kei­ne Teil­nah­me an den olym­pi­schen Spie­len gestat­tet ist – ein The­ma, das mich jetzt zuge­ge­ben nur äußerst peri­pher inter­es­siert. Einer Frau, die in der Kom­men­tar­spal­te dem Arti­kel bei­pflich­tet und dahin­ter rich­ti­ger­wei­se gesell­schaft­li­che Rol­len­kli­schees sieht, die noch immer zu stark wir­ken, wird unter­stellt, sie habe kei­ne Ahnung vom Leben, ja noch nicht ein­mal von ihrer eige­nen Sexua­li­tät.

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Folge 3: „Terror, Terrorismus, Amok“

Ich will für die heu­ti­ge Pod­cast-Epi­so­de drei Leit­fra­gen auf­wer­fen:
1) Was ist eigent­lich Ter­ro­ris­mus?
2) Und was unter­schei­det ihn von ande­ren For­men der Gewalt, bei­spiels­wei­se einem Amok­lauf oder orga­ni­sier­ter Kri­mi­na­li­tät? Und war­um spielt die­se Unter­schei­dung durch­aus eine Rol­le?
3) Nicht zuletzt: Was haben die Medi­en damit zu tun?