Dem Reaktionör ist nichts zu schwör

Men­schen mit einer gehö­ri­gen Por­ti­on Rück­wärts­ge­wandt­heit haben es die­ser Tage immer schwe­rer, sich an etwas fest­zu­hal­ten. Nicht erst seit den Straf­ta­ten, die in der Sil­ves­ter­nacht in Köln meh­re­ren Frau­en wider­fah­ren sind, ste­hen sie all­zu oft vor einer har­ten Ent­schei­dung: Wiegt ihr Frem­den­hass oder doch ihre Miso­gy­nie schwerer?

Wie die­bisch freu­en sich jetzt auch Populist*innen aller Cou­leur über die Taten und über die Angst, die sie aus­lö­sen. Die­se wis­sen sie näm­lich geschickt für sich zu nut­zen: End­lich hat man jetzt das ver­meint­li­che Argu­ment gegen mas­sen­haf­te Zuwan­de­rung, kann die For­de­rung nach Straf­ver­fol­gung mit dem Wunsch auf eine restrik­ti­ve­re Asyl­po­li­tik vermischen. 

Uns errei­chen der­zeit vie­le Fra­gen zu den Vor­fäl­len am Köl­ner Haupt­bahn­hof. Hier erklä­ren wir, was wir der­zeit wis­sen, was nicht — und war­um vie­le Medi­en erst jetzt berich­ten: http://​zeit​.to/​1​J​r​v​71f (td)

Posted by ZEIT ONLINE on Diens­tag, 5. Janu­ar 2016

Dass es zum bis­he­ri­gen Stand kei­nen Beweis gibt, dass es sich bei den Tätern um Asly­be­wer­ber gehan­delt hat, dass sich Stadt und Poli­zei in Köln gegen sol­che vor­ei­li­gen Unter­stel­lun­gen sogar aktiv weh­ren, das scheint dabei eher zweit­ran­gig. Nie­mand schreit „Lügen­pres­se“ wenn zwei­fel­haf­te Online­me­di­en eben­so wie Qua­li­täts­me­di­en schrei­ben, oder wenigs­tens unter­schwel­lig den Ein­druck erwe­cken, die­se Straf­ta­ten hät­ten etwas mit der Asyl­si­tua­ti­on in Deutsch­land zu tun. Auch CSU-Gene­ral­se­kre­tär Andre­as Scheu­er scheint bereits die Täter zu ken­nen und schreibt auf sei­ner face­book-Sei­te „Wenn Asyl­be­wer­ber oder Flücht­lin­ge sol­che Über­grif­fe bege­hen, ist das ein ekla­tan­ter Miss­brauch des Gast­rechts und kann nur ein sofor­ti­ges Ende des Auf­ent­halts in Deutsch­land zur Fol­ge haben.“

Dort schreibt er auch, wer kei­nen Respekt für Frau­en habe, habe in unse­rer Gesell­schaft nichts ver­lo­ren. Ein sol­ches State­ment ist gene­rell zu begrü­ßen. Schon im letz­ten Jahr konn­te man auch aus CSU-Krei­sen immer wie­der ver­neh­men, dass der Schutz der Rech­te von LGBTI (oder zumin­dest von Schwu­len), zu unse­rer Kul­tur gehö­re. All das ist zu begrü­ßen. Man muss sich aber auch die Fra­ge stel­len, wie ehr­lich die gesag­ten Wor­te gemeint sind. Die Tat­sa­che, dass aus die­ser Ecke vor allem dann von Respekt für Frau­en oder LGBTI gespro­chen wird, wenn das The­ma in einen Zusam­men­hang mich Geflüch­te­ten gebracht wer­den kann, lässt an der Ehr­lich­keit doch stark zweifeln.

An vie­len Punk­ten die­ser Dis­kus­si­on stellt es sich doch mehr so dar, als ob der Kampf für Frau­en­rech­te hier viel­mehr will­kom­me­nes Vehi­kel für frem­den­feind­li­che Res­sen­ti­ments ist. Abseits der Asly­de­bat­te näm­lich ver­nimmt man von vie­len der­je­ni­gen, die jetzt mehr Respekt für Frau­en for­dern, sel­ten femi­nis­ti­sche Worte. 

Nach den Vor­komm­nis­sen am Köl­ner Haupt­bahn­hof http://​zeit​.to/​1​R​o​n​qKl füh­len sich vie­le Anhän­ger von AfD und Pegi­da bestä…

Posted by ZEIT ONLINE on Diens­tag, 5. Janu­ar 2016

Immer mehr Frau­en mel­den sich zu Wort, die selbst schon ein­mal Ziel sexu­el­ler Über­grif­fe wur­den und die sich eine ähn­li­che Reak­ti­on dar­auf gewünscht hät­ten, wie es sie jetzt nach Köln gibt. Doch sie selbst wer­den jetzt mit dem Begriff des Derai­lings abqua­li­fi­ziert. Und das von Per­so­nen, die Sozio­lo­gie und Geschlech­ter­stu­di­en bis vor Kur­zem sicher noch als eine Art „sata­ni­scher Küns­te“ betrach­tet haben. Eine umso per­fi­de­re Form des vic­tim bla­mings also, Men­schen, die Ziel über­grif­fi­ger Hand­lun­gen wur­den, gegen­ein­an­der auszuspielen.

Aber wer Femi­nis­mus und den Kampf gegen Frem­den­feind­lich­keit nicht als zwei Sei­ten der sel­ben Medail­le betrach­tet, wer nicht die Bekämp­fung von Vor­ur­tei­len gegen­über Frau­en und LGBIT auf der einen, gegen­über Frem­den und Geflüch­te­ten auf der ande­ren Sei­te, als einen Kampf betrach­tet, kann kei­nes der Zie­le jemals errei­chen. Wer Frau­en­rech­te und Geflüch­te­ten­rech­te als Prin­zi­pi­en sieht, die man gegen­ein­an­der aus­spie­len kann, der erweist der offe­nen Gesell­schaft einen Bärendienst.

PS: Für man­che sind dann aber auch jetzt doch auch wie­der die Frau­en schuld. In Köln will man für Frau­en jetzt „Ver­hal­tens­re­geln“ auf­stel­len, mit denen sie [sic!] Ver­ge­wal­ti­gun­gen ver­mei­den sollen.

Unseren Platz an der Sonne

Man war­tet ja immer schon gespannt auf das nächs­te Glanz­stück von Harald „armer, alter Mann ver­steht die Welt nicht mehr“ Mar­ten­stein. Ange­sichts der Zahl an Geflüch­te­ten, die der­zeit auf dem Weg nach Euro­pa kom­men, zu for­dern, den Kolo­nia­lis­mus wie­der zu bele­ben? Nein, das kann kei­ner… Mar­ten­stein kann!

Aus dem aktu­el­len ZEITmagazin

Posted by ZEIT­ma­ga­zin on Don­ners­tag, 8. Okto­ber 2015

Funktionslogik terroristischer Propaganda im bewegten Bild

Die Medi­en­front ist heu­te ein wich­ti­ger Kriegs­schau­platz, den vie­le neben Land, Was­ser und Luft für gleich wich­tig hal­ten. Ter­ro­ris­ten füh­len sich in sozia­len Medi­en woh­ler als man den­ken könn­te. Im Netz kön­nen sie die asym­me­tri­sche Kräf­te­ver­tei­lung über­win­den, die sie in der offe­nen Feld­schlacht unter­le­gen sein ließe.
Ter­ro­ris­ten machen sich das Bild zur Waf­fe und pro­du­zie­ren erst durch die Posi­tio­nie­rung an der Medi­en­front Sinn in ihren Taten. Ohne ein Beken­ner­schrei­ben, ein Abschieds­vi­deo des Atten­tä­ters oder ein letz­tes Pos­ting im sozia­len Netz­werk wäre ein Bom­ben­an­schlag nichts als ein Kapi­tal­ver­bre­chen. Durch die ter­ro­ris­ti­sche Kom­mu­ni­ka­ti­ons­stra­te­gie wird das Ver­bre­chen erst zum ter­ro­ris­ti­schen Akt. Das ist die theo­re­ti­sche Grund­an­nah­me die­ses Auf­sat­zes. Ohne Medi­en­be­richt­erstat­tung könn­ten ter­ro­ris­ti­sche Orga­ni­sa­tio­nen nicht exis­tie­ren. Durch die Ent­wick­lung des Web 2.0 und ins­be­son­de­re sozia­ler Medi­en kom­men ter­ro­ris­ti­sche Orga­ni­sa­tio­nen heut­zu­ta­ge aber ganz ohne das Ver­schi­cken von Video­tapes an Fern­seh­sen­der aus. Durch You­Tube und ande­re Kanä­le, kön­nen sie die Adres­sa­ten ihrer Bot­schaf­ten direkt und ohne zwi­schen­ge­schal­te­te Jour­na­lis­tin­nen und Jour­na­lis­ten erreichen.

So ist es nicht erstaun­lich, dass ter­ro­ris­ti­sche Orga­ni­sa­tio­nen sich eine gewis­se Exper­ti­se im Umgang mit sozia­len Medi­en zuge­legt haben. Al-Qai­da hat sei­ne eige­ne Medi­en­ab­tei­lung, auch die kolum­bia­ni­schen FARC arbei­ten sehr pro­fes­sio­nell und wel­chen Ein­fluss der Isla­mi­sche Staat im Inter­net aus­übt ist inzwi­schen bereits Gegen­stand eini­ger Repor­ta­gen und Unter­su­chun­gen geworden.

Mein Auf­satz „Funk­ti­ons­lo­gik ter­ro­ris­ti­scher Pro­pa­gan­da im beweg­ten Bild“ erschien die­ser Tage im Jour­nal for Deradicalization.

Wo Satire die Geschmacklosigkeit der Realität einholt

Nach­dem auf einer öster­rei­chi­schen Auto­bahn ein Lkw mit 71 erstick­ten Geflüch­te­ten auf­ge­fun­den war, hat auch die Sati­re­zeit­schrift Pos­til­lon das The­ma auf­ge­grif­fen und in einem bit­ter­bö­sen, ja auch streit­ba­ren, Arti­kel auf­ge­ar­bei­tet: „Alles wie­der gut: Öster­reich ver­senkt Last­wa­gen mit 71 toten Flücht­lin­gen im Mit­tel­meer“. Unter dem Arti­kel, eben­so wie auf mei­ner eige­nen Time­li­ne, sind unter vie­len ande­ren auch Reak­tio­nen auf­ge­taucht, die den Arti­kel für geschmack­los hal­ten. Und damit haben sie auch Recht!

Der Artikel ist geschmacklos, aber…

Hier an die­ser Stel­le den Spruch von Tuchol­sky zu brin­gen, dass Sati­re bekannt­lich alles darf, wäre abge­dro­schen. Den­noch kann auch ein sol­cher Arti­kel, der eigent­lich sogar ganz offen­sicht­lich geschmack­los ist, legi­tim sein. Mit sei­nem bit­ter­bö­sen Arti­kel sucht der Pos­til­lon ja nicht nach dem kurz­fris­ti­gen Lacher, nach der Slap­stick­ko­mik oder nach bil­li­gen Wit­zen auf dem Rücken der toten Geflüch­te­ten. Das Objekt der Sati­re sind nicht die 71 Men­schen, die auf der Auto­bahn gefun­den wur­den, son­dern die gesell­schaft­li­che Rea­li­tät – uns alle ein­ge­schlos­sen. Sub­jekt bzw. Rezi­pi­ent und Objekt die­ses Arti­kels sind die glei­chen. Das ist es näm­lich, was gute Sati­re aus­macht: Sie hält einem selbst, den gesell­schaft­li­chen Zustän­den und auch der Poli­tik den Spie­gel vor.

Par­odie ist für Ador­no die „Ver­wen­dung von For­men im Zeit­al­ter ihrer Unmög­lich­keit“. Sati­re ist nicht nur eine Coping­stra­te­gie um, ob der eige­nen Ohn­macht, die Situa­ti­on von Geflüch­te­ten zu ver­ar­bei­ten. Sie ist viel­mehr auch ein Ver­such die­je­ni­gen Struk­tu­ren auf­zu­bre­chen, die die Zustän­de fort­schrei­ben und ein Aus­bre­chen aus ihnen der­zeit unmög­lich machen. Sati­re ist nicht „l’art pour l’art“, ist nicht bloß Witz, son­dern selbst eine Form, um gesell­schaft­li­che Zustän­de auf­zu­bre­chen. So ist die Sen­tenz von Ador­no auch nicht voll­stän­dig zitiert, wenn man nicht wie im Ori­gi­nal schreibt, Par­odie sei die „Ver­wen­dung von For­men im Zeit­al­ter ihrer Unmög­lich­keit und ver­än­dert dadurch die For­men.

Aber, darf man das?

Die Toten wer­den nicht dadurch wie­der leben­dig, dass man zu ihrer Geden­ken jetzt schweigt. Zuge­ge­be­ner­ma­ßen ist ihnen aber auch durch eine sati­ri­sche Auf­ar­bei­tung nicht unmit­tel­bar gehol­fen, son­dern zual­ler­erst erst ein­mal uns selbst, die wir am wenigs­ten von der Situa­ti­on betrof­fen sind (selbst wenn wir „betrof­fen“ sein mögen). Sie ist aber auch, wie oben erwähnt, ein Spie­gel, der uns vor­ge­hal­ten wird, und der uns zeigt, dass es nicht damit getan ist, die 71 Opfer die­ses Schlep­per­trans­por­tes zu bewei­nen, wäh­rend täg­lich auf dem Mit­tel­meer Hun­der­te ster­ben. Die Sati­re zeigt uns, dass ein Aus­bruch aus dem Plan­mä­ßi­gen – dem Ster­ben im Mit­tel­meer – eine Nach­richt wert ist, das hun­dert­fa­che Ster­ben im Mit­tel­meer selbst aber zur Nor­ma­li­tät gewor­den ist.

Der Arti­kel will uns also auch aus einer Situa­ti­on auf­we­cken, in der gro­ße Tei­le der Bevöl­ke­rung inzwi­schen still­schwei­gend akzep­tiert haben, dass Boo­te mit Geflüch­te­ten regel­mä­ßig auf See ken­tern und ihre Insass*innen ertin­ken. Und genau an die­sem Punkt sehen wir, dass es eigent­lich nicht der Arti­kel des Pos­til­li­on ist, der geschmack­los ist: Geschmack­los ist viel­mehr die Rea­li­tät, in der Geflüch­te­te leben und ster­ben müs­sen. Erst wenn die­se reel­le Geschmack­lo­sig­keit been­det ist, wer­den auch geschmack­lo­se Sati­re­ar­ti­kel ihr Ende fin­den können.

Schade eigentlich

»Arrrrrrrgh!«, brül­le ich.»Wasnlos?«, fragt das Känguru.»Ich bin dran mit Abspü­len. Aber ich has­se Abspü­len. Das…

Posted by Marc-Uwe Kling on Mitt­woch, 26. August 2015